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Die Oper lebt – und die Monarchie?


Was für ein erfreulicher Musiktheaterabend gestern in der Oper Zürich! Die Oper lebt! Wie immer bis ins letzte ausgefeilt realisiert ein Team lauter Spezialisten in höchster Qualität das Komplexum namens Oper. Das ist um einiges anspruchsvoller, wenn das Werk nicht zum gängigen Repertoire der Opernklassiker gehört. Der zurecht angesehene und arrivierte Komponist George Benjamin darf miterleben, warum das Opernhaus Zürich regelmässig internationale Preise einheimst. Wie der Tonsetzer und Dirigent rührend spontan an der Premierefeier die Umsetzung lobte und seine Musik sich nicht besser gespielt vorstellen kann, war keine Schmeichelei. Ich möchte hier deshalb nicht in Feuilletonmanier einzelne Leistungen hervorheben. Alle Beteiligten agierten mit höchster Klasse und ergänzten sich kongenial.


Es sei mir hier trotzdem erlaubt (qua meiner professionellen Kompetenz) meine lieben Bläserkolleginnen und -kollegen des Philharmonia Orchesters für einmal hervorzuheben. Was diese Bläserinnen und Bläser jeden Tag an Reinheit in den Opernsaal zaubern ist nicht überbietbar. Dem Nichtspezialisten gefällt so fast alle Musik – der Spezialist kann nur staunen, wenn die Musikerinnen und Musiker, die mit den Unwegsamkeiten wie Rohrblättern und Lippen ihre Klänge produzieren (bei denen kleineste Abweichungen Unreinheiten bis zu gefürchteten Quicks hervorquäken lassen) Klänge in jeder Tonlage und Instrumentierungen auch im unisono perfekt übergeben können - da bleibt dem geneigten Hörer der Atem stecken.


Denn der mit allen Tücken des Orchesters vertraute Benjamin, weiss das Orchester sowohl herauszufordern, wie ihm auch eine Musik zu bieten, dass das Orchester in Bestlaune erklingen lässt. Seien es ins Rückenmark schneidende Dissonanzen, oder liegende Akkorde ganz eigener Klangfarbe, eindeutige harmonische Intervalle, oder eben Unisonos, sie sind sowohl originär wie optimal umsetzbar. Benjamin will musikalisch keine neue Welten erobern und sich von der Geschichte abwenden wie seine Elterngeneration. Er nutzt die Möglichkeiten des Hier und Jetzt, um uns aufzuzeigen: Stimmige Opernwerke können auch heute komponiert werden. Ja, und das Publikum ist auch begeistert – liebe Konzertveranstalter und Opernintendanten, nehmt das doch bitte zur Kenntnis. Das Publikum will nicht ewig Widergekäutes sondern Frische und Neuheit, wie im übrigen Leben auch.


Die Oper ist aber nicht das Übrige und Alltägliche. Sie ist die Kunstgattung der Entführung, Verzauberung und des emotionalen Tiefganges. Sie kann die in der aristotelischen Poetik zu Grunde gelegte Katharsis herbeiführen, wie wohl keine andere Kunst für sich alleine. Die Frage ist nun, was ein solcher Reinigungsprozess in unserer Seele auslöst und bewirkt. Die Kunst ist keine Psychotherapie, aber es ist heute wissenschaftlich belegt, wie wichtig Kunst gerade auch in Krisen wirkt, sowohl aufs Individuum wie auch auf die Gesellschaft. Es kam nie gut, wenn der Kunst zuviel Verantwortung und Wirkkraft zugemutet wurde, resp. wenn die Künstler sich in Gurus verwandelten. Sie ist weder Religionsersatz noch politische Botschaft. Am besten: Die Kunst bleibt Kunst. Hier: die Oper bleibt Oper.


Wie angetönt der Grundstein lag bei den Altgriechen, die Renaissance entdeckte es neu und die bis heute beliebte Oper war geboren. Schauen wir in die Musikgeschichte zurück, denkt man die Opern sind Sache der Komponisten (die Komponistinnen kommen jetzt viel zu spät auch). Die Opern sind nicht Werke individualistischer Tonkünstler - hier schreibe ich als Opernkomponist. Wir Musikdramatiker müssen eine kongeniale Zusammenarbeit mit einer Librettistin oder einem Librettisten finden. Denn als Komponist sitze ich vor einem Text, der ganz viel vorgibt. Ich sitze nicht vor dem leeren Notenblatt, das alle Phantasie zulässt. Der Text gibt die dramatische Form vor und jeder Moment wird vom Text in seinem emotionalen Gehalt vorgegeben, die dominierende Gesangsstimme ist auch omnipräsent. Das ist die Vorgabe; dann folgt das Weiterdenken zur Umsetzung auf der Bühne, das soviel andere Künste miteinbezieht. Da kommt mir eher das Bild des Hammer und Ambosses zu Gesichte, als die fliegende freie Vogelwelt des losgelösten Tonkünstlers.


Da hilft Erfahrung – Sir George Benjamin tat sich hier mit dem Dramatiker Martin Crimp zusammen – Lessons in Love and Violence ist ihre dritte Zusammenarbeit. In bewährter Manier verlassen sie sich auf die Geschichte, basiert die Story doch auf dem Theatertext von Christopher Marlow (1594), die eine wahre Gegebenheit um Edward II. (1320) theatralisierte. Das Prinzip ist in der Opernwelt bewährt. Geschichten grosser Literatur Shakespearescher Art garantieren Traditionsverbundenheit und Meisterwerksnähe. Die realen Geschehnisse sind mystisch verklärt und auf die urmenschlichen Mechanismen reduziert, wie hier auf Love and Violence.


Das Risiko dabei fehlzuschlagen ist kleiner. Wie aus einem Guss entsteht ein Gesamtwerk, in dem sowohl die Liebe wie auch die Gewalt unsere Seele zu reinigen versuchen. Das Publikum wird nicht geschont. Ohne aufpeitschende Ouverture und Vorwarnung stehen wir mitten drin im Grässlichen, das vor allem durch etwas geschürt wird: Die Korrumpiertheit der Macht. Nirgends ist diese grösser als in Diktaturen und Tyranneien, unter denen heute noch viel zu viele leiden.


Oder eben auch in der Monarchie – die Oper Lessons in Love and Violence lebt von Königen, Königinnen und oedipal veranlagten Königssöhnen (die „Tochter“ bleibt merkwürdig stimmlos und wandelt als teilnahmslose Conchita Wurst über die Bühne). Einem basisdemokratisch geschulten Demokraten ist es wohl fremder, als einem Angelsachsen, dass die Monarchie immer noch existiert. Es gibt lauter Königinnen und Könige auf dieser Welt - mit oder ohne Krone. Die brexitleidenden Brittinnen und Britten sind zudem vertraut mit dem Leiden einer Unterschicht, die entweder Geld haben für die Heizung oder für das Essen. (sic!) Unglaublich, aber leider wahr. (Die politische Absonderung war noch nie ökonomisch förderlich.) Ob Crimp/Benjamin indirekt darauf anspielen wollten? In der Inszenierung von Evgeny Titov fühlt man sich ins 19. Jahrhundert zurückversetzt, wo das Arbeiterproletariat den klugen Karl Marx zur Theorie des Klassenkampfes führte. So krass es damals war, wird es an diesem Opernabend dargestellt und ich fühle mich gezwungen darüber nachzudenken, ob es heute wirklich so anders ist. Das Theater der britischen Monarchie mit allerlei Skandalen und kleinen Porcherien (Prinz Andrew) zelebrierte gerade vor einigen Wochen, dass eine Krönung, die soviel Geld verschlingt weiterhin opportun ist, wenn gleichzeitig gewisse Schichten der Bevölkerung froh wären, ein würdiges Leben führen zu können. Sind es auf der Insel noch gekrönte Monarchen, haben wir hierzulande unsere Banker, die ihre Perlen anhäufen, das Opernhaus charmant fördern, aber beim Zusammenkrachen ihres Kartenhauses über die Hintertür mit dicken Konten verlassen und sich an der Goldküste in Schweigen hüllen.


Das wollten Crimp/Benjamin sicher nicht direkt andeuten, aber es sind eben die Fragen, die hier angestossen werden, wenn wir die Dekadenz des Geldes serviert bekommen. Ins Mark gehend ist das. Denn wenn die Musiksprache von Benjamin, die in der Tradition der zeitgenössischen Komposition steht, etwas kann, dann ist es das Grauen, den Schrecken und die in die Eingeweide gehende Brutalität in Tönen zu untermalen. Das muss bei uns Fragen aufwerfen, denn Antworten und Lösungen unserer gesellschaftlichen Fragen dürfen wir der Kunst nicht aufbürden.

Hier wurde mein Geist gestern intensiv angeregt. Ist unsere Realität noch so monarchistisch, wie in dieser Oper? Leben wir in einer Blase, weil es die Fakten zu Assad und dem Falle Khashoggi (die Vierteilung kommt in der Oper zur Sprache) – gibt, aber wir nicht direkt spüren? Ist diese Macht alleine eine Ausgeburt des Männlichen und Patriarchalen?


Dass diese Fragen nach dem frenetischen Applaus in mir brennen, ist genau das, was ein durch Steuergelder finanziertes Kulturinstitut tun muss, um seine gesamtgesellschaftliche Verantwortung und Unterstützung zu legitimieren. Zu hoffen, dass die Oper Zürich hier weitermacht, ja es noch intensiviert. Sie kann mehr sein als ein rückwärtsgewandtes Museum. Nämlich ein Theater mit Themen von heute. Zum Beispiel in folgende Richtungen: Wie sieht eine weibliche Sicht aus? Wie geht eine jüngere hungrige Generation mit dem Jargon der Oper um?


Es gab Neues zu hören an diesem Abend. Es war in bewährter Tradition des 20. Jahrhunderts wiederum das Schlagzeug, das musikalische Akzente setzte. Verschiedene afrikanische Trommeln, die an die Mozartschen Janitscharen erinnerten oder das den Schluss der Oper prägende Cymbalon (virtuos Matthias Würsch). Auch hier öffnen sich zu verfolgende Linien und Aufbrüche: Digitale elektronische Elemente oder die umfängliche Integration des Tanzes etc. Das musikalisch geprägte Theater, nennen wir es doch einfach Oper, kann in soviele Verästelungen sich weiterentwickeln und das Publikum mag von verschiedenen Künsten und Sinnen angesprochen werden.

Die wichtigste Botschaft für mich war: Die Oper lebt, wagen wir eine mutige Fortsetzung der vorausschauenden Gegenwart. Thanks George! Denn nur mit Aktualität können wir die Zukunft gewinnen. Ob zur Zukunft auch die Machtkonzentration der Monarchie weiterhin gehören soll, das ist nach diesem Abend eigentlich klar beantwortet.


Matthias Mueller da Minusio, 22.Mai 2023

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