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Film und Musik – Locarno meets Lucerne


Heute geben sich zwei der erklärten Leuchttürme der Schweizer Kultur, das Locarno Film Festival und das Lucerne Festival die Klinke in die Hand. In Locarno wird mit Shayda von Noora Niasari und Zar Amir Ebrahimi ein Film aus 2023, der noch nie an einem wichtigen internationalen Topfestival lief, die 12 tägige Filmparty beenden - in Luzern wird die 3. Sinfonie von Gustav Mahler (komponiert 1892-1896) zur Eröffnung aufgeführt. Mehr als 125 Jahre Unterschied der Entstehung der beiden Werke. Soll ich meinen Blog-Text hier beenden? Damit wäre ja genug gesagt. In Lucerne wird selbsterklärt das Paradies beschworen - in Locarno wird sozialkritisch die Gegenwart durchleuchtet.

Darf ich mir als Insider der klassischen Musik kritische Worte gegen den Zustand meiner Kunst erlauben? Zur vorweggenommenen und nötigen Klärung: Sehr geehrte Verantwortliche der klassischen Musik in der Schweiz, ich schreibe nicht kritische Bücher, Blogs und Post um Eure (auch meine) Arbeit oberflächlich zu bashen. Es geht mir darum, meine in 47 Jahren erworbenen Einblicke in die Kunst der klassischen Musik und des Schweizerischen Kulturlebens dahingehend zu äussern, dass die Komposition und Erschaffung von Musik wieder aus ihrer prekären Bedrängnis geholt werden kann. Interessiert wäre ich alleine an einer Zusammenarbeit, einer konstruktiven gemeinsamen Gestaltung basierend durchaus auf einem kontroversen Diskurs. Das blieb bisher verwehrt.

Eine polemische These: «Die klassische Musik ist tot – der Film lebt und gestaltet heute die Zukunft von morgen». Das ist überspitzt, trifft aber möglicherweise den Kern und Nerv. Interessanterweise höre ich seit Jahren zwar Anschuldigungen und Ablehnung von Kolleg:innen, ich soll doch das Wenige und Schöne, das bleibt, nicht besudeln. Argumentativ hat noch niemand sich dahingehend geäussert, dass ich nicht recht hätte mit meiner Dystopieerzählung.

Es gibt noch eine Parallele zwischen den L-Festivals (die prominent von den beiden Bundesrät:innen eröffnet wurden): In Luzern sagten Riccardo Chailly und Wolfgang Rihm, zwei Gallionsfiguren ab und in Locarno kommt Kate Blanchett nicht. Nur: Blanchett reist nicht von Kalifornien nach Locarno, weil sie den Streik in USA mitträgt, dass Künstler:innen würdig entlöhnt werden. Rihm und Chailly können nicht kommen, weil es ihnen in ihrem hohen Alter, die Gesundheit kurzfristig nicht erlaubt.

Weitere Fakten, die meine These unterstreichen: In Locarno treffen sich alle Generationen und viele soziale Schichten. Insbesondere junge Leute feiern Parties bis in die frühen Morgenstunden. Lucerne möchte wohl nicht gerne die offiziell eruierbare Zahl hören, wie hoch das Durchschnittsalter ihres Publikums ist im Vergleich zu Locarno. Denn: Sponsoren wollen zu jungen Leuten, zur Generation, die die Zukunft prägt. Steife Cüpli-Aperos sind nicht mehr das Ziel. Die Hochfinanz, die Lucerne prägt und trägt ist nicht unwichtig, aber noch wichtiger ist die Zukunft, die morgen zur Hochfinanz aufsteigen wird. Denn einen Fakt müssen alle akzeptieren: Unsere Leben werden mit dem Tod enden und nur unsere Kinder und Kindeskinder garantieren, dass das menschliche Wunder mit ihrer faszinierenden Kunst weiterleben kann. Gesunde und prosperierende Institutionen und Systeme schauen immer für eine Verjüngung und haben Zukunftsperspektiven im Visier.

Ja, das liebe Geld: Eine Künstler:in kann zwar in ihrer Freizeit erschaffen ohne Entlöhnung. Soll die Kunst aber zu einem Publikum gelangen, braucht es Geld. Es gibt deshalb eine logische Schlussfolgerung: Wo das junge und grosse Publikum ist, dort sind die Sponsoren und Geldgeber - dort kann zeitgenössische Kunst mit all ihren Entdeckungen und Risiko geschuldeten Abstürzen eine Plattform erhalten. (Auch das BAK unterstützt nur den Film, keine Komponist:in in der Schweiz erhält je nur einen Franken (sic!)). Ein anderer Geldvergleich: Ich kann mir die Tickets des Lucerne Festivals nicht leisten – in Locarno sind die Hürden unvergleichlich tiefer.

Gut, ich bin einer der prominenten Künstler meines Faches in der Schweiz und fortgeschrittenen Alters, kenne den Intendanten von Lucerne persönlich, trotzdem sind mir die Türen verschlossen - seit Jahrzehnten und auch in absehbarer weiterer Zukunft. In Locarno bekomme ich innert wenigen Jahren Zugang zu allen entscheidenden Treffen und Austauschplattformen. (Mit Bundesrat Berset konnte ich auch Worte hier wechseln). Ich nehme es unterdessen sportlich, wenn es auch eigentlich ein Skandal ist, wie ich und viele Kolleg:innen hiesiger Provenienz durch das Schweizer Musikbusiness behandelt werden. (siehe hierzu auch meinen blog: Est-ce que la suisse existe – die etwas andere 1. Augustrede)

Weil ich gar nichts mehr zu verlieren habe und für viele unangenehm gutes Insiderwissen habe, darf ich mir scharfe offene Worte erlauben, wenn ich auch riskiere, als eingebildeter Aufplusterer abgestempelt und erst recht ins Exil der Totschweigung verbannt zu werden.

In der klassischen Musik (und da ist das Lucerne Festival nicht alleine) wird die Vergangenheit der bürgerlichen Erfolgsgeschichte von Überprivilegierten wie auf der Titanic gefeiert. Wie tief das überalterte Schiff schon gesunken ist, darüber kann man diskutieren. Die Türen für neue Ideen sind geschlossen – Kritik prallt an den Bunkermauern ab – die Presse insbesondere auch die ehrwürdige und liberale NZZ ist schon lange zum Werbesprachrohr des Lucerne Festivals wie auch der Oper Zürich und der Tonhalle mutiert.

Bezeichnend und spannend auch, wie die Leitungspositionen an den beiden Orten gerade gewechselt wurden: Locarno konnte in Maja Hoffmann eine Grand-Dame der Kultur Schweizer Abstammung, und prominenteste erprobte Kunstgestalterin ins Sopraceneri locken. Das Lucerne Festival wird nach der langen Ära Haefliger von einem unbekannten Berliner geleitet, den niemand kannte und nicht gerade den ersten Eindruck hinterliess, nun die Titanic mit Wissen, Kraft und Inspiration in neue Gewässer der Zukunft zu schiffen. Aber bleiben wir da offen und gespannt!

Michael Haefliger hat grosse Verdienste. Das KKL wurde ihm in die Wiege gelegt, ein Meisterstreich der Luzerner, den Basel und Zürich nicht schafften. Nouvel konnte bauen, Zaha Hadid am Rheinknie und Rafael Moneo am Zürichsee wurden politisch ausgebremst. Unter Haefliger wurde vieles internationaler und ein Brand erster Klasse geschaffen. Das Herzstück, die Sinfonie des 19. Jahrhunderts, blieb die unangefochtene und unumstössliche Grundfestung. Seine verdienstvollen Bemühungen, die sogenannt zeitgenössische Musik zu propagieren, waren so offensichtlich wie ohrenfällig. Er fördert auch die Jugend – mehrere meiner Student:innen konnten davon profitieren. Dass diese Bemühungen weder eine Kursänderung noch wirklich nachhaltig sind, hat komplexe Gründe.

Zentral ist der katastrophale Zustand der komponierten Musik, die sich gestrafft formuliert nach der Schönberg’schen Revolution, gefolgt von der doktrinären Adorno’schen Nostalgieschwadronierung und (leider halt auch) direkt gefolgt von der Bouelz’schen Sonnenmonarchie sich nie wieder dem verehrten Publikum zuwandte. Esoterische Gnosologie betreibend verharren die Komponist:innen (insbesondere die geförderten) in einer kaum mehr ästhetisch begründeten Widerstandshaltung, die zwar oberflächlich zu Hochglanz poliert wurde, aber ihre Grundfesten partout nicht verlassen wollen, wie es alle anderen Künste schon lange getan haben. Ich verstehe Michael (er gibt sich im Internet jovial angelsächsisch dutzend) wirklich nicht, wie er anfänglich dem verdienstvollen Dirigenten, Kulturpolitiker und Komponisten im Nebenamt (Sorry, Boulez komponierte beängstigend wenig) eine Übermacht über 20 Jahre gab. Solange bis seine Augen das Sichten der Partituren mit über 90 nicht mehr erlaubten. (sic!). Offensichtlicher kann ein Widerspruch zum Neuen gar nicht sein. So verdienstvoll und akribisch der Grandseigneur seine musique contemporaine förderte, können sie insbesondere in Paris ein Lied singen, wie doktrinär er auch einschränkte und verhinderte mit Fangarmen bis nach Helvetien. In zwei Jahren feiert Michael den Abschied mit einer Pierre Hommage. Das sei ihnen vergönnt und ist letztlich konsequent - ein Kapitel wird dann endgültig zur Geschichte.

2016, nach Pierre Boulez Regentschaft, folgte Wolfgang Rihm. Eine Persönlichkeit mit so einnehmendem wie auch strategisch klar planendem Geiste. Eine offene ästhetische Diskussion scheuten bisher alle. Die Hoffnungskerze lodert in der Ära nach 2025. Aber die Winde wehen stark postboulezisch aus allen Richtungen. Warum soll gerade ein Berliner die Vormachtstellung der Siemensstiftung (München) mit der Personalunion (Luzern, München) der Aushängeschilder Anne-Sophie Mutter und Wolfgang Rihm, das Machtkartell knacken?

Dass der auch hierzulande bei Insidern unbekannte Enno Poppe, Professor in der Preussenmetropole, das Steuer herumreisst (er ist composer in residence dieses Jahr), ist kaum vorstellbar. Die Neue Musik ist leider ein abgeschlossenes System, eine bubble, ein goldiger Käfig, eine Sekte wie Opus Dei, die Andersdenkende nie zu Wort kommen liessen. 47 Jahre Erfahrung reichen hier.

Mein blog ist schwarz-weiss und bewusst hautnah markant. Aber ich will ihn im Weissen enden lassen: Ich verlasse die klassische Musik gezwungenermassen nun für die leider nötige Zeit endgültig. Mein Exil ist aber ein vielversprechendes Paradies: Ich wechsle zum Film. Ich musste erkennen, dass aus meiner komponierten Partitur CHRONOS, meiner ersten Oper, die in Zürich von der Kulturpolitik 2022 abgewürgt wurde, eher als Musik-Tanzfilm erfahrbar werden kann, als je im Business der rein starenorientierten klassischen Live-Musik. Ich liebe das Live-Kunsterlebnis über alles, das ohne technisch-digitale Überformung direkt von Mensch zu Mensch wirkt. Dem Film bleibt diese Distanz immer inne. Aber der Film lebt und die Oper ist endgültig tot, wie es besagter Boulez einmal frech in jungen Jahren behauptete. Geblieben ist nur die Champagner-getränkte Nostalgiefeier.

Wie ich mich freue, nun im Film eine neue Heimat gefunden zu haben. Noch mehr freue ich mich, wenn ich dann in die vertraute Gemeinde der komponierten Musik zurückkehren darf und nur einen kleinen Anteil an Gehör erfahren darf. Trotziger Optimist bleibe ich mein Leben lang.


Minusio 12.8.2023


Matthias Mueller da Minusio

www.matthiasdaminusio.com


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