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Wenn ein 81 jähriger der künstlichen Intelligenz ein Schnippchen schlägt


Maurizio Pollini in der Tonhalle am 30.10.2023

Musik kann mehr sein als Töne. Beim Gesang ist das offensichtlich, weil sich immer direkt die menschliche Seele aus den Kehlen offenbart. Bei Blasinstrumenten und Streichern ist die Belebung des Klanges immer auch hörbar. Beim Klavier, dem Biest unter den Instrumenten, das den Tastenlöw:innen stoisch und breitbeinig sich hinstellt, damit die in abertausenden von Stunden trainierten Interpret:innen uns zum Staunen verleiten können, ist es nicht naheliegend. Dafür wird das ganze Können effektheischend visualisiert: Wie kann man alle diese Tasten treffen? Die linke und rechte Hand in solcher Geschwindigkeit unabhängig voneinander über die Tasten rasen lassen? Wie können solch wunderschönen Klänge aus der Mechanik gezaubert werden, die einer minuziös präzisen Anschlagstechnik geschuldet sind?


Es geht, wir wissen es, es geht sogar recht gut. Wahrscheinlich gibt es mehr virtuose Pianist:innen als Triathlonist:innen (eine auch ausserordentliche Leistung). Aber mit dem richtigen Tastendruck ist es eben nicht getan! Hier beginnt die Kunst – eine Kunst die nie und nimmer von künstlicher Intelligenz erzeugt werden könnte. Zudem es ist die kongeniale Zusammenarbeit zwischen Komponisten, die hervorragende Werke schufen und dem Interpreten (hier Maurizio Pollini mit 81 Jahren), der diese bis ins letzte Detail studierte und in Stande ist, die inne wohnenden Nuancen herauszuformen.

Das Konzert vom 30. Oktober 23 in der Tonhalle war der Beweis, dass weder ein Computer noch die darauf sich abspulende künstliche Intelligenz je etwas Vergleichbares hervorbringen wird. Es ist die tiefe Menschlichkeit, die zu uns spricht, nicht die Kälte der bits and bytes als reduzierte Informationen in einem polaren System. In gebückter Haltung und vifen Schrittes trabt der Altmeister ans Instrument, setzt sich und beginnt sogleich: Er spielt Arnold Schönbergs op. 19: Der Schreck des romantisch eingesalbten Bürgertums. Die Aura des Alters und die Erfahrung von Pollini mag unterstrichen haben, dass Schönberg ganz normale Musik schrieb. Lieblich kommt sie daher, bescheiden und in den an Webern angelehnten aphoristischen Kristallen, beginnt die Seele zu schwingen: Unprätenziös dafür umso klarer gezeichnet.


Dann erhält das Konzert eine ganz spezielle Dramaturgie. Pollini beginnt mit Chopin, was in der zweiten Konzerthälfte geplant war. Es kommt zu einem Techtelmechtelchen mit der Seitenwenderin, die das enervierte Grummeln Pollinis mit einem Lächeln abtut. Sie kann es ihm nicht recht machen, sie tut allen leid, er unterbricht, beginnt neu. Wie eine dramaturgisch geplante Vorbereitung auf die Zerrissenheit der Ästhetik von Nono wirkt sein emotionaler Temperamentsausbruch.

Seine Gefühle legte er nun in den Überraschungsmoment des Abends. Nono war der um einiges ältere Freund von den beiden Venezianern, der Schwiegersohn vom eben gehörten Schönberg. Intolleranza 1960 klang in mir wieder auf: (siehe blog vom 18.4.23) Das Engagement gegen alles Elend auf der Erde und der Wille mit Kampf die Besserung herbei zu holen. Wie traurig aktuell das wieder ist. ...sofferte onde serene... ist ein einmaliges Stück für Klavier und Tonband (natürlich heute vom Computer generiert). Es ist karg wie eine Steinwüste, so schön wie das Strahlen von kleinen Blumen in Trümmerhaufen. Die Elektronik realisiert durch Germán Toro-Pérez von der ZHdK ergänzt und erweitert sachte. Da werde ich nostalgisch: Das waren noch Zeiten, als grosse Interpreten sich mit Komponisten zusammentaten: Zimerman – Bernstein, Joachim – Brahms, Strawinsky – Ansermet...


Wie oft musste Schönberg für sein musikalisches Aufbrechen der heilen Musikwelt herhalten. Seine von Hauer abgeleitete Zwölftontechnik ist der Inbegriff der hysterischen Ablehnung der Musik des 20. Jahrhunderts. Sanft rüttelte Schönberg am System, er wurde abgestraft und versuchte nachher erfolglos sich ein Leben lang als Traditionalist zu verorten. Hier durften wir hören, dass Schönberg, der im 19. Jahrhundert verwurzelt ist näher an Chopin liegt, als dieser an seinem Schwiegersohn Nono, der von zwei Weltkriegen geprägt wurde. Der Bruch in der Musik erfolgte parallel zur kulturell-politischen.


Nostalgie ist das Stichwort: Im zweiten Teil dann Chopin in höchster Virtuosität und Anmut. Kein Ton der Langeweile und Abgedroschenheit! Brillanz in vollendeter Form, schlafwandlerische Treffsicherheit, Vitalität und seelenrührende Elegien. Einfach herzzerreissend, wenn es den alten Mann von seinem Stuhl erhebt, welche Emotionalität bei gleichzeitiger Präzision und barockem persönlicher Extravaganz. Ein ganzes Leben voller Tiefen und Schrecken liegt diesem Zauber inne. Der Trotz sich allem Niederreissenden zu widersetzen.

Danke Maestro, danke Tonhalle – die Frage, wie es um die Jüngeren steht und die Zukunft lasse ich in dieser Feierstunde der Kunst nun beiseite. Von dieser Realität sind wir täglich Zeuge und dürfen uns über das Geschenk des junggebliebenen Mannes freuen. Zu hoffen, seine Botschaft klingt etwas über den einmaligen Konzertsaal in Zürich hinaus.


Matthias Mueller da Minusio 30.10.23

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